Der „heilige Franz“ der Leichtweishöhle

Rudolf Driess, der Wärter der Höhle im Nerotal, kennt sich nicht nur mit der Geschichte des Räubers gut aus
Der Wiesbadener Rudolf Driess fühlt sich dem Räuber der Leichtweishöhle ver-bunden. Nicht, weil er dessen Wilddieberei gut heißen würde, ganz im Gegenteil: Nichts läge dem 67-jährigen Rentner ferner, als Tiere zu erschießen.

Von Kurier-Mitarbeiter
Sebastian Herold

Aber draußen an der frischen Luft zu sein, den Wald und die Jahreszeiten zu genießen, das eint ihn mit Heinrich Anton Leichtweis, der sich bis zu seiner Entdeckung 1791 13 Jahre in der Höhle im Nerotal vor dem Förster versteckte. Er muss das Leben in der Wildnis gemocht haben, anders ist es nicht zu erklären, warum sich der Vater von sieben Kindern, der als Bäcker und Bürstenmacher arbeitete und in Dotzheim einen guten Ruf genoss, in die Abgeschiedenheit begab.
Rudolf Driess, der seit 1994 Wärter der Leichtweishöhle ist, kann das nachvollziehen. Wenn er Mittwoch-morgens gegen neun die Blockhütte ober- halb der Höhle aufschließt, auf dem Holzofen Kaffee kocht und sich zum Frühstücken auf die Bank setzt, dann genießt er die Ruhe. Gesellschaft hat er in den Morgenstunden vor allem von den Waldbewohnern
„Meine Prinzessin“ nennt Driess das Rotkehlchen, das er schon seit Jahren kennt. Wenn er mal vergessen hat, ein paar Nüsse oder Sonnen Blumenkerne auf die Bank zu legen, beschwert sich der Vogel mit einem fordernden Pfeifen. Der gelernte Schlosser, der 35 Jahre bei Opel arbeitete, er zählt gerne von den Waldbewohnem. Da sind die Zwerg Fledermäuse im hinteren Teil der Höhle, ein paar Salaman der haben ihr Quartier in einem Loch im Boden bezogen. Die beiden Siebenschläfer, die er Felix und Philipp getauft hat, liegen bis Pfingsten im Winter schlaf. Schon jetzt fragen Kinder immer wieder nach Felix, der in der warmen Jahreszeit in einem Karton mit Holzwolle auf dem Batteriekasten der Höhle schläft. Hansi, das Eichhörnchen, das ihm schon aus der Hand fraß, hat er schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Gerade hat Driess die Brutkästen gesäubert und wartet, ob sich auch dieses Jahr wieder die Grasmückenläufer zumbrüten niederlassen werden, bevor sie wieder nach Afrika entschwinden.

Unwillkürlich denkt man an Franz von Assisi, der sich mit den Tieren unter halten konnte. Rudolf Driess lacht und sagt, er sei einfach ein Naturmensch.
Dass er eine andere Seite hat, zeigt ein Fotoalbum: Driess im Anzug im Gespräch mit Freddv Quinn, dem jungen Frank Elst- ner und Fritz Walter. Kein Spiel habe er verpasst, als Walter für Worms kickte, schließlich machte er seine Lehre direkt neben dem Stadion. Das er sein Idol später kennen lernen konnte, machte ihm seine Frau möglich, die beim ZDF arbeitete.
Eine Kinderschar unterbricht das Gespräch und bekommt die Geschichte vom Wilddieb erklärt. Der Wiesbadener Heimatforscher Walter Czysz hat ihm die Details er klärt und zum Dank gibt es an der Höhle dessen Bücher zu kaufen. Ein blonder Fünfjähriger wundert sich, warum ein so altes Versteck einen Betoneingang hat. Driess muss grinsen, nimmt sich Zeit und deutet mit seinen großen Händen auf die Bilder des ehemaligen Holzeingangs. „So pfiffige Fragen, das macht mir Spaß“, gesteht der Rentner.
Das ist nicht immer so. Der Holunderbusch, der sich an der Blockhütte hochzog, wurde letztes Jahr ausgerissen. Die Plastikplane, die er bei Regen über den Eingang hängt, reißen Vandalen meistrunter. Selbst die schwere Eisentür zur Höh- le wurde schon aufgebrochen und die alte Flinte, die er zur Veranschaulichung in den Versammlungs-raum des Räubers hängte, geklaut. Er versteht es nicht, schüttelt den Kopf und gesteht, dass seine Lust an der Höhle zu arbeiten nachlässt. Ohnehin war er skeptisch, als ihn der ehemalige Forst-meister Otto Schlegelmilch 1994 fragte, ob er für eine geringe Bezahlung die Aufgabe übernehmen wolle. Zu gut war ihm in Erinnerung, dass derWächter der Höhle 1970 zu sammengeschlagen wurde. Aber jetzt gefällt es ihm und wer würde sich sonst um „seine Prinzessin“ kümmern?

 

 

Die Leichtweis-Höhle im oberen Nerotal ist von Anfang April bis Ende Oktober, drei mal die Woche geöffnet. Mittwoch von 10 bis 14 Uhr, Freitag von 14 bis 18 Uhr und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

Er kann mit Kindern und mit Tieren: Rudolf Driess, der Wärter der Leichtweishöhle..
Foto: RMB/Kubenka